Brave Kinder – um jeden Preis?

Es wird oft davon gesprochen, das dieses oder jenes Kind „brav“ sei. Aber was versteht man in unserer heutigen Gesellschaft darunter? Was muss ein Kind tun um als „brav“ zu gelten und wie verhält sich ein Kind, das dieses Attribut nicht tragen darf?

Wenn ich mit Kindern und Erwachsenen, gleich ob es sich dabei um die Eltern der Kinder handelt oder es nur Bekannte sind, an einem Tisch sitze, beobachte ich oft die immer gleiche Situation.
Hannes² wird von seiner Oma gerügt, weil er mal wieder nicht ruhig dasitzen und brav essen kann. Er soll sich ein Beispiel an seiner Cousine Veronika nehmen. Veronika² sitzt brav da und isst genau das, was auf den Tisch kommt. Sie hampelt nicht umher, ist leise und spielt auch nicht mit ihrem essen. Kommt dir diese Situation bekannt vor?

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Der kleine Bär will selber Brei essen

Das Wort „brav“ steht in den Augen der meisten für ein ruhiges Kind, das nicht zu viel redet, keine Fragen stellt und genau das tut, was man von ihm möchte. Kurz, ein Kind, dass die Erwachsenen nicht zu sehr stört. Aber ist es das, was du von deinem Kind möchtest? Fragt man Eltern was sie sich für ihre Kinder wünschen, sind die Antworten recht ähnlich. Die meisten wünschen sich ein aufgeschlossenes, neugieriges, kreatives, freundliches, hilfsbereites und selbstbewusstes Kind. Eines das selbstständig denkt und handelt, sich für seine Wünsche und Bedürfnisse einsetzt. Eltern erwähnen in aller Regel nicht, dass sie gerne ein Kind hätten welches genauso gehorcht wie ein Hund. Doch oft wird scheinbar genau das gewollt.

Vielleicht hat sich der Weg um dieses Ziel zu erreichen mit den Generationen geändert, jedoch blieb das Ziel an sich dasselbe. Früher war es die körperliche Gewalt, welche die Macht der Eltern ausgedrückt und Kinder dazu veranlasst hat zu tun, was die Eltern wollen. Heute sind es Fernseh-Verbote, Stubenarrest oder die so genannte „Auszeit“ die dem Zweck dienen ein „braves“ Kind großzuziehen.

Natürlich ist dies kein Freibrief seine Kinder antiautoritär zu erziehen. Ganz im Gegenteil. Kinder bzw. Menschen müssen lernen, dass sie nicht immer alles bekommen und das sie persönliche Grenzen respektieren. Es soll vielmehr ein Appell sein, alte Erziehungsmuster zu durchbrechen, sie neu zu überdenken und Platz zu schaffen für eine Erziehung bei der die Liebe der Eltern nicht an Bedingungen geknüpft ist.

Eine weitere interessante Tatsache ist auch, dass wir von „braven“ Kindern Dinge erwarten, die kaum ein Erwachsener einhalten kann. Sie sollen nicht mit Essen spielen – warum machen wir zu Halloween Kürbislaternen? Oder basteln aus harten Nudeln kleine Männchen? Kinder sollen sich immer sofort entschuldigen, wenn sie etwas – in unseren Augen – falsches getan haben. Ohne, dass wir ihnen die Zeit geben um sich darüber selbst klar zu werden, das ihre Tat moralisch nicht in Ordnung war. Entschuldigst du dich jedes Mal sofort für einen Fehler? Oder dauert es manchmal ein wenig bis du dir deines Fehlers überhaupt bewusst wirst? Wenn man mit seinen Nerven völlig am Ende ist, man sich von keinem verstanden fühlt und es einem körperlich eventuell auch noch schlecht geht, wird es akzeptiert, dass man mal lauter wird oder weniger Geduld hat? Wie sieht es bei einem kindlichen Wutanfall aus? Es gibt dutzende Beispiele dieser Art. Du erkennst vielleicht, dass dein Verhalten gegenüber Kindern nicht immer ganz fair ist – das ist der erste Schritt zur Besserung.

Das Problem an dem Ansatz ein „braves“ Kind haben zu wollen ist auch, dass es dazu führen kann, dass Kinder auch das befolgen was Menschen außerhalb der Familie zu ihnen sagen.
Die Autorin Barbara Coloroso bemerkt, dass sie Eltern von Teenagern oft klagen hört:“Er war so ein braves Kind, so wohlerzogen, hatte so gute Manieren, hat sich so gut gekleidet. Doch sehen Sie sich ihn jetzt an!“ Darauf antwortet sie: Seit er klein war, zog er sich so an, wie Sie es ihm sagten; er verhielt sich so, wie Sie es ihm sagten; er sagte das, was Sie ihm vorsagten. Er hat stets darauf gehört, dass ihm jemand anders sagte, was er tun sollte… Er hat sich nicht verändert. Er hört immer noch darauf, dass ihm jemand anders sagt, was er tun soll. Das Problem ist nur, dass derjenige nicht mehr Sie sind, sondern Leute in seinem Alter.³
Du solltest dich besser fragen, ob das bisherige Ziel, mit dem du vermutlich erzogen wurdest, auch das ist, was du dir für deine Kinder wünscht. Ist es womöglich besser die langfristigen Ziele im Blick zu behalten dem Drang zu widerstehen, es einfach und unkompliziert haben zu wollen. Denn ein Kind das seinen eigenen Willen hat, selbstständig denkt und handelt ist vermutlich anstrengender als eines das blinden gehorsam leistet. Aber willst du das wirklich? Möchtest du ein Kind, das sich ohne die Anerkennung von Autoritätspersonen, gleich ob es die Eltern, der spätere Chef oder der Anführer der Clique ist, wertlos fühlt? Eines, das fast alles tun würde um diese Anerkennung zu erhalten. Zwischen ein und zehn Jahren hast du möglicherweise ein Kind, welches unter Zähne knirschen sein Zimmer aufräumt oder sich mit zwei Jahren schon entschuldigt (obwohl es in diesem Alter das emotional noch gar nicht begreifen kann – dazu ein ausführlicher Artikel von gewünschtestes Wunschkind). Später könnte es allerdings das gleiche Kind sein, das Aufgrund des Gruppendrucks Drogen konsumiert um „dazu“ zu gehören. Ist es erwachsen arbeitet es eventuell bis zum Morgengrauen oder einem Burnout entgegen nur damit es Lob vom Chef erhält. Willst du das für dein Kind? Vermutlich nicht. Dann solltest du deine langfristigen Ziele gründlich überdenken.

Wie sieht es bei dir aus? Was sind die langfristigen Ziele, die du für dein Kind hast? Passen sie zu deinen bisherigen Erziehungsmaßnahmen?

© Sandra

² Namen wurden abgeändert.
³ Kohn Alfie, „Liebe und Eigenständigkeit“, S. 13 f

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